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Warum gelten Stuhltests als nicht sicher?

Eure Fragen und Tipps zu den Symptomen, zur Diagnose und Behandlung von Zöliakie

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Igelchen2006
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Warum gelten Stuhltests als nicht sicher?

Beitragvon Igelchen2006 » 05 Nov 2018 23:14:38

Hallo!
Bei meiner Tochter wurde der Verdacht auf Zöliakie geäußert.
Bei einem Allergietest über das Blut reagierte sie auf Gluten mit dem höchsten Wert 4 (Referenz bis 17,5 - ihr Wert war >100). Labor war Enterosan Labordiagnostik.
Dort wurde empfohlen, eine Stuhluntersuchung durchzuführen.
Ergebnis:
Anti-Gliadin-slgA 14,39 (Referenz <10)
Anti-Transglutaminase-slgA 14,77 (Referenz <10)
Labor: Enterosan Labordiagnostik.
Nun habe ich bei der DZG gelesen, dass die Stuhltests nicht zur Diagnose heranzuziehen sind. Warum ist das so? Gerade bei den Transglutaminase Antikörpern sagt man ja, dass sie IM BLUT eine sehr hohe Aussagekraft hätten. Warum gilt das nicht für AK im Stuhl? Wenn es sie doch angeblich nur gibt, wenn Zöliakie vorliegt? Wie kommen die AK sonst in den Stuhl?
Kann mir vielleicht jemand weiterhelfen? Ich habe wirklich einen Knoten im Kopf :-o
Allerliebsten Dank!!!

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Re: Warum gelten Stuhltests als nicht sicher?

Beitragvon Igelchen2006 » 05 Nov 2018 23:31:52

Eine Ergänzung hätte ich noch....ebenfalls im Stuhl wurde das (?) sekretorische IgA bestimmt.
Wert: >7,5 (Referenz 0,71-2,19)
Würde eine Erhöhung überhaupt zu einer Zöliakie passen?

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Re: Warum gelten Stuhltests als nicht sicher?

Beitragvon moni130 » 06 Nov 2018 00:46:38

Hallo Igelchen,

die "Unsicherheit" der Antikörperbestimmung aus Stuhlproben ist in erster Linie eine unsaubere sprachliche Herangehensweise.

Ich versuche es mal auf andere Weise zu erklären, was daran "wackelig" ist.

Eine Zöliakiediagnose ist eine ziemlich schwerwiegende Diagnose, die lebenslang Gültigkeit hat. Steht die Diagnose, muss ja fortan glutenfreie Diät eingehalten werden, deren Ziel es ist, es nicht mehr zur Autoimmunreaktion kommen zu lassen. Und wenn nichts mehr passiert, dann ist es auch nicht mehr möglich, Zöliakie nachzuweisen.

Der Nachweis von Antikörpern in einer Stuhlprobe ist ein Wegweiser, der anzeigt, in welcher Richtung weitere Untersuchungen unternommen werden müssen! Und da muss man meiner Meinung nach dann dran bleiben, bis der Nachweis entsprechend der Leitlinien der Medizinischen Fachgesellschaften gelungen ist.

Um eine Zöliakieerkrankung zu attestieren, dürfte eine Stuhlprobe nie und nimmer heran gezogen werden schon allein deshalb, weil der Nachweis, von wem die Probe stammt, in der Regel nicht zu erbringen ist.

Fakt ist aber, wenn Antikörper im Stuhl gefunden werden, dann werden Antikörper in der Darmschleimhaut gebildet. Die sind dann manchmal da schon nachweisbar, auch auch wenn im Blut womöglich noch nichts gefunden wird.

Was du über den Allergietest aus dem Blut schreibst, das läßt mich darauf schließen, dass das ein IgG-Test auf x Lebensmittel war. Leider, leider macht dieses renomierte Labor auch diese Tests, die eigentlich überhaupt keine Relevanz haben. Aber sie bringen dem Unternehmen und dem Therapeuten gutes Geld.

Um jetzt den richtigen Weg einzuschlagen, brauchst du einen Arzt, der stur nach den Leitlinien vorgeht. IgA- und IgG-Antikörper gegen deamidierte Gliadin-Peptide und IgA gegen Gewebstransglutaminase bestimmt und eine Magenspiegelung mit Gewebeentnahme für die feingewebliche Untersuchungen aus dem oberen Dünndarm veranlaßt.

Wenn das rum ist, dann kann mit glutenfreier Ernährung begonnen werden - nicht vorher!

Gruß
Monika
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Re: Warum gelten Stuhltests als nicht sicher?

Beitragvon Igelchen2006 » 06 Nov 2018 07:14:39

Hallo Monika!
Vielen lieben Dank für deine Antwort! Darf ich für mein Verständnis noch einmal kurz nachhaken?
Wenn ich das also richtig sehe, dann würde man an dieser Stelle mit den von dir genannten Diagnosemitteln weitermachen (Blut+Biopsie), um eine Diagnose zu sichern oder auszuschließen. Grundsätzlich würde man aber sagen, es besteht ein ernster Verdacht, weil im Kot Antikörper gefunden wurden, die Zöliakiespezifisch sind? Meinst du das so???

Und ich hätte noch eine kurze Nachfrage zu dem Allergietest. Ich habe nachgeschaut und du hast recht-es ist ein IgG-Test von Entersosan. Aber warum hat dieser Test keine Relevanz? Wenn ich das richtig verstanden habe, zeigt er also das Vorhandensein von Antikörpern gegen ein bestimmtes Nahrungsmittel an-wäre das nicht der Nachweis, dass dort eine Unverträglichkeit oder Allergie vorliegt und wenn nein, warum nicht???
Bitte entschuldige die Löcherei....ich versuche, alles zu verstehen und dazu zu lernen.
Liebsten Dank und viele Grüße!
Kathrin

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Re: Warum gelten Stuhltests als nicht sicher?

Beitragvon moni130 » 06 Nov 2018 09:35:24

Hallo Kathrin,

zu dem ersten Teil Deiner Frage kann ich nur nicken. Antikörperbestimmung im Blut und Biopsie sind die nächsten Schritte. Wenn die gelaufen sind, melde Dich unbedingt hier noch mal.

Das mit den IgG-Antikörpern ist eine sehr ärgerliche Sache. IgG-Antikörper, gegen was auch immer, zeigen nur an, dass man den Körper mit diesem Stoff irgendwann in den letzten Monaten konfrontiert hat. Sie haben keinerlei Aussagewert zu einer Erkrankung oder Unverträglichkeit. Es gibt allerdings eine einzige Ausnahme. Das sind IgG-Antikörper gegen deamidierte Gliadinpeptide. "Dea... was?" denkst Du jetzt, so etwas essen wir nicht. Genau! So etwas essen wir nicht, aber es sind Bruchstücke aus unvollständig abgebautem Gluten, die nur bei Zöliakie enstehen! Deswegen können in diesem Fall, nur in diesem einen Fall der deamidierten Gliadinpeptide die IgG-Antikörper als Marker für Zöliakie heran gezogen werden. In der Regel aber, bzw. entscheidend sind nur die IgA-Antikörper. Blöderweise gibt es aber Menschen, die insgesamt viel zu wenig IgA bilden, d.h. sie haben einen allgemeinen IgA-Mangel. Dann bleiben auch die zöliakiespezifischen IgA unterhalb der Grenzwerte und bremsen die weitere Diagnostik aus, wenn man den allgemeinen IgA-Mangel nicht aufspürt. Dieser allgemeine IgA-Mangel ist selten, kommt aber gerade bei Zöliakiebetroffenen sehr viel häufiger vor als bei anderen. Deswegen ist es sehr sinnvoll, immer auch gleich den Gesamt-IgA-Wert zu bestimmen, zumindest wenn zum ersten mal auf spezifische Antikörper getestet wird. Genau das ist bei Enterosan auch gemacht worden und hat ebenfalls einen erhöhten Wert gebracht. Auch das ein Zeichen dafür, dass da, wo die Probe hergekommen ist, nämlich aus dem Darm, an der Schleimhaut eine Abwehr krankmachender Stoffe stattfindet.

Das Unternehmen, zu dem Enterosan gehört, ist ein sehr renomiertes Großlabor, das seit der Gründung vor 30 Jahren eine irre Entwicklung genommen hat. Die Kernkompetenz liegt bei der Mikrobiologie, also dem Aufspüren von Bakterien, Viren usw. Also lauter absolut seriöse und wirklich wichtige Sachen. Deswegen irritiert es mich immer wieder, dass die auch diese blöden IgG-Tests machen. Aber ich denke, die liefern halt, was die Ärzte und Heilpraktiker bestellen.

Vor Ärzten und Heilpraktikern, die diese IgG-Tests ihren Patienten aufschwatzen, vor denen sollte man davon laufen. Die Tests kosten nicht nur unnötig Geld, sondern stiften auch heillose Verwirrung, weil nämlich gerade bei denjenigen Lebensmitteln, die man oft zu sich nimmt, weil sie einem gut bekommen, logischerweise hohe IgG-Werte auftreten. Dann werden genau diese Sachen weggelassen und dafür andere Sachen gegessen, die einem vielleicht wirklich nicht gut bekommen und daher bisher gemieden wurden, so dass da auch kaum IgG auftauchen können. Logischerweise kommt es - von Plazebo-Effekten mal abgesehen - dann nicht zur Besserung, sondern allenfalls zur Verschlechterung des Befindens. So schafft sich der Arzt oder Heilpraktiker eine dauerhafte Einnahmequelle - bis er genug von diesem Patienten hat und ihn wegen angeblich psychisch verursachten Beschwerden fallen läßt.

Eine korrekt gestellte Zöliakiediagnose mit nachfolgender Einhaltung der glutenfreien Diät durch den Patienten bezeichne ich gerne als "wirtschaftlichen Totalschaden" für die Ärzteschaft. Ich weiß nämlich sehr genau, was an mir bzw. meinen chronischen Schmerzen usw. verdient worden ist, solange die Zöliakie unerkannt blieb.

Manchmal muss man etwas um die Ecke denken, um zu verstehen, was sich abspielt.

Gruß
Monika
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Re: Warum gelten Stuhltests als nicht sicher?

Beitragvon Marion1951 » 06 Nov 2018 12:39:21

Hallo Moni,

ich muß jetzt mal etwas loswerden was mir schon lange
positiv auffällt in diesem Forum, und zwar -Du --
Also von mir unbedingt ein dickes Lob für Dich.
Du kannst alles immer so toll und richtig fundiert
erklären. Auch vor allem sicher für die, welche sich hier
das erste Mal getrauen, Fragen zu stellen.
Mach auf jeden Fall weiter so, nicht das das Forum hier noch weiter
einschläft. Denn auch ich habe von anderen gehört, dass das Forum einmal bedeutend besser lief.

LG Marion

Igelchen2006
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Re: Warum gelten Stuhltests als nicht sicher?

Beitragvon Igelchen2006 » 07 Nov 2018 17:45:40

Allerliebsten Dank für eure ausführlichen und fundierten Antworten! Ich fühle mich bei euch sehr gut aufgehoben und werde auf jeden Fall berichten, sobald wir die endgültigen Testergebnisse haben. Morgen ist die Blutuntersuchung dran.
Liebe Grüße, Kathrin


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