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Freiwilliger Weizenverzicht- eure Meinung?

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Florian Hohndorf
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Freiwilliger Weizenverzicht- eure Meinung?

Beitragvon Florian Hohndorf » 19 Jan 2019 19:25:36

Hallo,
Ich befasse mich im Zuge meiner 5. PK meines Abiturs mit Gluten-und Laktoseunverträglichkeit im Zusammenhang mit Essenstrends, bei denen man freiwillig auf bestimmte Lebensmittel verzichtet.
Für Personen mit beispielsweise Zöliakie - sehen sie dies als positiv, da deshalb das Angebot an alternativer Ernährung in den Supermärkten ansteigt, oder sehen sie es negativ, da freiwilliger Verzicht das Leiden der Krankheit relativiert und Vorurteile gegen wirklich Betroffene entstehen lässt?
Ich würde mich sehr über viele persönliche Antworten freuen!
LG Florian

Die.L
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Re: Freiwilliger Weizenverzicht- eure Meinung?

Beitragvon Die.L » 19 Jan 2019 19:37:13

Moin Florian,
ich sehe es mit sehr gemischten Gefühlen, weil es ein himmelweiter Unterschied ist zwischen „ich lasse mal Gluten weg“ und einer glutenfreien Diät, wie sie für Zölis unabdingbar ist.
Für Laien sind diese Unterschiede nur schwer zu begreifen, und Zölis haben dann unter „ach, das ging doch neulich bei den anderen auch“ zu leiden, wenn die Croutons mehr oder weniger heimlich wieder aus dem Salat gepult werden.
Vieles von dem, was im Supermarkt als „glutenfrei“ bezeichnet wird, ist für Zölis nicht oder nur sehr eingeschränkt geeignet (Chips, Bier und Schokolade mit Gerstenmalz, aber angeblich unter dem Grenzwert, „glutenfreie“ Weizenstärke, „glutenfreier“ Hafer...).
Schöne Grüße von Heike!
Mit Tochter aus 02/2004 (Zöliakie diagnostiziert seit 10/2013)
Für mich seit 06/2017 Diagnose antikörpernegative Zöliakie

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Re: Freiwilliger Weizenverzicht- eure Meinung?

Beitragvon Heiterkite » 19 Jan 2019 20:37:32

Ich schließe mich da die L. an.

Und ergänze noch: Es nervt mich sogar tierisch, wenn ich mal wieder belehrt werde, dass Weizen ja ganz ganz böse ist. Und man (mich eingeschlossen) Dinkel essen soll.Und Sauerteigbrot, da gehen nämlich „die Gluten“ raus. kopf—> Tisch.

Es kann ja jeder essen/weglassen was er will. Blöderweise haben diese „Informierten“ leider einen ausgeprägten Hang zu Missionierung.

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Re: Freiwilliger Weizenverzicht- eure Meinung?

Beitragvon FSM » 22 Jan 2019 15:41:40

Ich sehe es kritisch. Klar nimmt das Angebot an glutenfreien Lebensmitteln zu, da aber 4/5 der Käufer nun keine Zöliakie haben, werden diese zur eigentlichen Zielgruppe, was unter anderem folgende Problem mit sich führt:

a) Problematische Zutaten wie Hafer und sog. glutenfreie Weizenstärke werden verwendet. Diese ist für eine große Minderheit der Zölis nicht sicher, d.h. sie werden davon krank.

b) Der Grenzwert wird nicht gesenkt. Sie liegt momentan bei 20ppm (Hochrechnung). Dieser Wert ist zu hoch, besonders bei Grundnahrungsmitteln wie Brot. Da es sich um eine Hochrechnung handelt, kann der eigentlich Wert, insbesondere bei Benutzung sog. glutenfreier Weizenstärke, noch höher liegen. Der Wert orientiert sich an einer veralteten Nachweisgrenze und könnte technische ohne weiteres auf 5ppm gesenkt werden.

c) Köche erhalten ein verzerrtes Feedback. Wenn in erster Linie Kunden glutenfrei bestellen, die von Gluten nicht krank werden, und dann wegen Kontamination doch Gluten im Essen ist, schadet das den Bestellern nicht. Auch Menschen mit Zöliakie merken "Glutenisierung" nicht immer, also macht die Gruppe an Menschen, die dem Koch mitteilen können, das was schief gelaufen ist und die Prozesse überdacht werden müssen, nur noch einen kleinen Prozentsatz aus. Der Koch wird sich seinen Teil denken, wenn dann eine Beschwerde kommt.

d) Persönlich: Ich bin Wissenschaftler und daher ist es auch beruflich für mich wichtig, dass ich "für voll genommen werde". Da glutenfreie lebende Menschen dies in erster Linie aus esoterischen Gründen oder anfällig sich für idiotische Bücher wie "Dumm wie Brot" oder "Weizenwampe", gibt es mittlerweile Vorurteile gegen glutenfrei lebende Menschen und ich muss mich immer wieder rechtfertigen, dass es einen guten Grund gibt, warum ich mich glutenfrei ernähre.

e) Menschen mit Beschwerden werden dazu angeregt, sich einfach mal glutenfrei zu ernähren, statt eine Diagnostik auf Zöliakie machen zu lassen. Da es aber einen himmelweiten Unterschied macht, ob man sich wegen Zöliakie streng glutenfrei ernähren muss oder ob man einfach nur Gluten oder Weizen weglässt ohne auf Spuren/Kontamination/Konsequenz zu achten, haben diese Leute mit unerkannter Zöliakie dann ein großes Problem, weil es ihnen nicht besser geht, Tests auf Zöliakie dann aber falsch negativ werden, weil die Tests nur bei normaler Glutenaufnahme zuverlässig sind.

Viele Grüße vom FSM

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Re: Freiwilliger Weizenverzicht- eure Meinung?

Beitragvon Sibylle » 23 Jan 2019 19:48:19

FSM, ich habe nicht gewusst wie ich meine Meinung dazu formulieren soll (wollte ja niemandem auf den Schlips treten), du hast mir aus der Seele gespochen. Danke!
Liebe Grüße, Sibylle
-----------
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Re: Freiwilliger Weizenverzicht- eure Meinung?

Beitragvon moni130 » 24 Jan 2019 15:51:28

Ja, es nervt!

Aber ganz so negativ sehe ich die Sache nicht. Immerhin habe ich selbst (vor rund 15 Jahren) schwer dafür gearbeitet, um glutenfreie Ernährung als absolut notwendige Diät bei Zöliakie außerhalb der Arztzimmer ins Gespräch und die Medien zu bringen. Ich war mir dabei voll bewußt, dass das auch Trittbrettfahrer auf den Plan rufen würde, weil es immer Menschen gibt, die der Meinung sind, dass sie durch vorgeblich gesundheitliche Besonderheiten - auf die andere Rücksicht zu nehmen haben oder in anderer Weise Zuwendung liefern sollen - ihr Persönlichkeitsprofil schärfen können.

Der Ausgangspunkt damals: Man ging davon aus, dass hierzulande nur 1 unter 1000 bis 2000 Personen an Zöliakie erkrankt ist. Die Dunkelzifer nicht erkannter Fälle lag bei 90 %. Daraus ergibt sich, dass es in einer Kleinstadt allenfalls eine handvoll Kunden gab, die nach glutenfreien Lebensmitteln fragten. Bei der "handvoll" sind Umlandbewohner schon eingerechnet, die zum Einkaufen in die Stadt kommen. Folglich war das Angebot sehr, sehr übersichtlich. Ich erinnere mich an insgesamt 2 m Regalbrett im Reformhaus, auf denen die Gesamtheit aller glutenfreien Artikel präsentiert wurde ... Und außer im Reformhaus gab es so gut wie nix.

Außer Haus essen zu gehen war weitgehend unmöglich. Es gab irgendwo sehr, sehr weit verstreut einzelne Restaurants, die dafür bekannt waren, dass man da nach glutenfreiem Essen fragen könne.

Die Situation war alles andere als zuträglich für Zölis und die Einhaltung der Diät bedeutete eine heftige Einschränkung der Lebensqualität. Ein Arzt sagte mir sogar, dass er Zöliakie erst gar nicht diagnostiziert, da glutenfreie Ernährung teuer ist und nicht schmeckt und er das seinen Patienten gar nicht zumuten möchte. Da schrillten bei mir Alarmglocken ...

Das, was ich dann gemacht habe, hat nicht nur eine Erweiterung des Angebots an glutenfreien Versorgungsmöglichkeiten angestoßen, sondern das Thema auch in die Medien gebracht. Dies wiederum war sicherlich nicht ohne Einfluß auf die Diagnoserate, da nunmehr oftmals Ärzte direkt darauf angesprochen wurden.

Inzwischen kamen die Allergen-Deklarationsverordnungen, die überhaupt erst möglich machten, direkt am Produkt zu klären, was glutenfrei ist. Mir ist aufgefallen, dass alsbald Hersteller von Lebensmitteln für den allgemeinen Markt glutenhaltige Zutaten in ihren Produkten durch glutenfreie Zutaten ersetzten.

Heute geht man von einer weit höheren Zahl von Betroffenen aus, doch ortsnahe Angebote an glutenfreien Spezialprodukten wären für diese immer noch sehr eng begrenzte Kundengruppe allein wirtschaftlich nicht zu stemmen. Folglich sollten wir doch froh sein, dass auch Nichtbetroffene zu glutenfreien Produkten greifen, auch wenn es für sie keinen Nutzen bringt. UNS bringt es u.a. den Nutzen, dass dem Vorurteil von der glutenfreien Ernährung, die teuer ist und nicht schmeckt, die Basis entzogen ist.

Mir ist die heutige Situation wirklich sehr viel lieber als die vor 15 Jahren, wo es niemandem eingefallen wäre, der nicht wirklich Zöliakie hat, die damals verfügbaren Produkte von z.T. wirklich grausiger Qualität zu konsumieren. Dummschwätzer gibt es immer und überall und meist lassen wir sie doch gewähren, ohne dass wir uns furchtbar aufregen. Zugegeben, unser Pflichtprogramm ist eine tägliche Herausforderung für uns und wir sind an diesem Punkt verletztlich - in jeder Hinsicht.

Die Verwendung von sog. glutenfreier Weizenstärke war übrigens lange vor Einführung des 20 ppm-Grenzwertes Standard bei glutenfreien Diätprodukten. Ich weiß jetzt nicht mehr, ob damals der Grenzwert bei 100 oder 200 ppm lag, jedenfalls sehr viel höher als jetzt. Hinzu kommt, dass Betroffene durch Ernährungsberater geradezu angefixt wurden, genau diese Produkte zu verzehren, die aus dieser Weizenstärke als Hauptbestandteil hergestellt wurden. Zum Glück gibt es die kaum noch! Das mit dem Hafer hat auch nichts mit den Nicht-Zölis zu tun, sondern der Tatsache, dass
a) die Problematik mit den unterschiedlichen Hafersorten und dem unterschiedlichen Schädigungspotenzial nicht so richtig bekannt ist,
b)dass es zudem keinen außerhalb von Forschungsprojekten zugänglichen Tests dafür gibt - und
c) inzwischen sogar Ernährungsmediziner den Zölis die Verwendung von Hafer empfehlen.

Bleibt die Tatsache, dass wir weiterhin aufpassen müssen, wie glutenfrei das ist, was uns als glutenfrei angeboten wird. Und dass wir jede Menge dumme Sprüche kontern müssen. Ich fänd es cool, wenn wir hier mal eine Sammlung der besten, humorvollsten Antworten auf die dümmsten Sprüche aufmachen würden.

Auf jeden Fall ist mir eine unqualifizierte Meinung zu dem, was ich essen kann, sehr viel lieber als meilenweit laufen zu müssen, bevor ich überhaupt etwas für mich Genießbares finde.

Monika
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Re: Freiwilliger Weizenverzicht- eure Meinung?

Beitragvon Sibylle » 24 Jan 2019 17:40:16

Sibylle hat geschrieben:Auf jeden Fall ist mir eine unqualifizierte Meinung zu dem, was ich essen kann, sehr viel lieber
Wenn es bei einer verbalen Aussage bleibt, kann ich mich da auch gut gegen wehen. Wenn aber z.B. ein Koch denkt "wieder so ein Spinner", mich nicht ernst nimmt und mir ein Essenserviert serviert, was nicht gf ist und ich das dann am Abend zu Hause auf der Kloschüssel "ausbaden" muss, finde ich das ganz und gar nicht vorteilhaft.
Liebe Grüße, Sibylle
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Re: Freiwilliger Weizenverzicht- eure Meinung?

Beitragvon moni130 » 24 Jan 2019 18:20:19

Okay, ich sehe schon, es geht um zwei Problemkreise. Einerseits die Klugsch..., die uns zu Dinkel und Bio "kannste doch essen" drängen und andererseits unsere Rolle als Kunden.

Der Kunde ist König! Wenn ich irgendwo unterwegs mal essen gehen muss, dann sage ich z.B. dass ich am liebsten nur Pellkartoffeln mit Butter bestellen würde, "es sei denn, Sie können mich davon überzeugen, dass Ihre Küche die Grundregeln für sicher glutenfreie Küche wirklich beherrscht und anwendet". Aus der Reaktion darauf ziehe ich meine Schlüsse. Sobald da jemand nur ansatzweise die Augen verdreht, bin ich draußen.
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Re: Freiwilliger Weizenverzicht- eure Meinung?

Beitragvon Florian Hohndorf » 28 Jan 2019 22:11:34

Ihr Lieben,
Vielen Dank für die bisherigen, sehr differenzierten Antworten! Es scheint wirklich ein sehr ausgeglichenes Verhältnis zwischen Gegnern und Befürwortern zugeben.
Ich freue mich über weitere Rückmeldungen :)
LG Florian

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Re: Freiwilliger Weizenverzicht- eure Meinung?

Beitragvon Florian Hohndorf » 17 Feb 2019 20:26:27

Es würde mich wirklich sehr interessieren wie hier die anderen zu diesem Thema stehen.
Liebe Grüße

Florian


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